
Letzte Woche war ja in Dresden Ausnahmezustand. Riesiger Polizeieinsatz, kein Problem, sind wir ja gewohnt. Diesmal war aber kein Dynamo-Spiel der Grund für den ganzen Aufwand, sondern der amtierende amerikanische Präsident Barack Obama, der auf der Durchreise vom nahen Osten nach Frankreich auch in Buchenwald und Dresden Station gemacht hat. Großes Kino also für Dresden, denn bisher hatte noch kein amtierender amerikanischer Präsident Dresden (jedenfalls nicht das in Deutschland) besucht. Es wurde also Zeit, denn zu sehen gibts hier ja doch einiges. Umgedreht schien aber die Möglichkeit für die Dresdner, den Präsidenten zu Gesicht zu bekommen, schon im Vorfeld eher begrenzt bis unmöglich zu sein. Rund 4000 Polizisten waren im Einsatz, um das Gebiet um Schloss und Neumarkt, also sozusagen einen großen Teil der Inneren Altstadt, vollständig abzuriegeln. Zutritt nur für Anwohner und Ladenbesitzer. Und selbst die durften sich nur in Begleitung von Sicherheitsbeamten innerhalb dieser Sicherheitszone bewegen, während der amerikanische Präsidenten in Dresden verweilte.
Ich hätte ihn ja gerne mal gesehen, wenn er schon nach Dresden kommt, aber man kanns halt nicht erzwingen … Muss man auch nicht, manchmal braucht man einfach nur Glück! So bekam ich eine Woche vor dem geplanten Besuch des US-Präsidenten eine Mail, ob ich nicht Lust und Zeit hätte am Freitag Vormittag mit in der Frauenkirche zu singen, während Obama die Frauenkirche besichtigt! Ein kleiner Chor sollte dem hohen Besucher noch ein kleines Ständchen mit auf den Weg geben. Als Student stellt sich die Frage ‘ob ich denn Zeit hätte’ (selbst wenn ich keine Pfingstferien gehabt hätte, hätte ich da schon irgendwie was deichseln können) eigentlich gar nicht erst. Wann bekommt man schon mal so eine Chance im Leben?!
Aber anfangs war alles noch sehr wage und ich machte mir auch keine allzu große Hoffnungen. Und so kam dann auch in der Woche des Besuchs die Absagemail. Die amerikanische Delegation hatte die Frauenkirche im Besuchsprogramm gestrichen – aus die Maus. Naja, was solls, wäre ja zu schön gewesen …
Aber nein, keine 24 Stunden später hieß es dann wieder: Wir sind wieder im Spiel, die Gespräche laufen wieder! Am Donnerstag Abend, bei der allwöchentlichen Probe unseres Chores stand es dann endlich fest: Wir werden für Obama singen! Nicht wenige von uns versetzte das in eine ungemein euphorische Stimmung, den Abend ließen wir in der Neustadt ausklingen. Dabei machte ich den Fehler, noch zwei riesige Ofenkartoffeln mit Sour Cream Dip zu verspeisen, die mir dann eine schlaflose Nacht bereiteten, indem sie in meinem Magen ständig hin und her kugelten und mich dadurch ebenfalls zum ständigen herumwälzen zwangen. Schlafen war Fehlanzeige. Wenn ich sage, dass ich in der Summe 4 Stunden geschlafen habe, dann ist das wohl schon hochgegriffen!
Probleme mich zu motivieren um aus dem Bett zu steigen hatte ich dennoch nicht. 8.15 Uhr trafen wir Choristen uns vor dem Pressezentrum im Kulturpalast, um wenig später unsere Akkreditierungs-Ausweise entgegenzunehmen. Der Sicherheitsbeamte wies uns freundlich darauf hin, dass wir die behalten könnten, aber bitte nicht bei Ebay versteigern sollten. Alles schon vorgekommen.


Als nächstes ging es durch die Sicherheitschecks – lief alles wie auf dem Flughafen. Dann wurden wir von Sicherheitsleuten vom Kulturpalast über den Neumarkt in die Frauenkirche begleitet. Auf dem Weg dorthin mussten wir gleich zwei Checkpoints passieren, der Neumarkt war total verlassen. Zusammen mit den zahlreichen Scharfschützen auf den umliegenden Dächern ergab das schon irgendwie eine ungewöhnliche Szenerie.
In der Frauenkirche angekommen war dann eigentlich alles wie immer. Wir konnten kurz von unserem vorgesehenen Platz auf der zweiten Empore unsere beiden Stücke proben und die Akustik von dieser eher ungewöhnlichen Position austesten. Und überraschenderweise ist die von da aus gar nicht mal so schlecht! Ich selbst konnte mich ja schlecht davon überzeugen, aber alle meinten, dass durch die Trichterform, die durch den steilen Anstieg der Sitzreihen und die gleich darüber liegende 3. Empore entsteht, der Gesang unserer doch recht kleinen Besetzung eine gute Fülle für den Raum bekommen hat.
Nach einer kleinen Pause waren wir dann halb elf wieder an unserem Platz vor Ort und warteten auf den hohen Besuch. Und der ließ sich Zeit! Warten hieß die Devise, inzwischen konnten wir noch ein paar letzte Fotos machen – während der Anwesenheit des Präsidenten war uns das nicht gestattet. Über die Einhaltung dieses Verbots wachten vier bewaffnete BKA-Beamte hinter uns. Kaum eine Chance da zu schummeln, ich habe es gar nicht erst versucht. Ich gehöre nicht zu denen, die für Obama sterben würden!
Eine Stunde später war es dann endlich so weit – der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama, betrat die Kirche. Wir hatten von unseren Plätzen beste Sicht auf ihn herab. Ich muss gestehen, es war schon irgendwie ein tolles Gefühl da dabei sein zu können! Einen so berühmten und wichtigen Mann, um den so ein Aufsehen gemacht wird, mal richtig zu sehen. Die eigentliche Besichtigung fand dann außerhalb meines Sichtbereichs statt und war daher eher unspektakulär. Nur das Klicken der Kameras, welches zeitweise wirklich gewitterähnliche Klänge erzeugte, ließ erahnen, ob es da unten gerade spannend zuging oder nicht. Die letzte Station war dann am Altar, von wo aus er laut Plan die Kirche auch schon wieder verlassen sollte. Unser Part war nun, ihn während des Verlassens der Kirche musikalisch mit Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln …“ zu begleiten. Als er sich nun also in Richtung Ausgang in Bewegung setzte – siehe da – er blieb stehen und lauschte uns! Das ganze Stück lang. Fand ich schon ne nette Geste. Aber so schnell er gekommen war, so schnell war er dann auch schon wieder weg. Kurz vor dem Ausgang hat er sich noch einmal zu uns gewendet und uns zugewunken. Dann war er weg. Auf dem Weg nach unten konnten wir durch ein Fenster im Treppenhaus noch sehen, wie der ganze Tross mit Limosinen und Begleitschutz wieder über den Neumarkt in Richtung Zwinger fuhr. Seinen Eintrag in das Gästebuch der Frauenkirche habe ich festhalten können:

Für Obama war das sicherlich etwas ganz alltägliches. Für uns alle, die wir das miterleben durften aber war es etwas besonderes, das wir wohl nicht so schnell vergessen werden.
Aber mal ehrlich: Ich möchte nicht mit ihm tauschen – wäre mir wohl alles ein wenig zu stressig. Student sein ist da wesentlich angenehmer. Und fürs bloggen fehlt einem Präsidenten wahrscheinlich auch die Zeit …